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Psychologie - Scheinheilig



So sieht ein gepflegter M3 aus.

Der größten deutschen Autozeitung sei Klimaschutz sehr wichtig, so jedenfalls die Chefredakteurin. Sie bringt Beispiele eines ihrer Redakteure, der für eine private Reise nach Japan Kompensationzahlung leistet, eines anderen, der seine vier Kinder gerade nicht in die Schule fährt und einer Redakteurin, die ebenfalls für Umweltschutz ist. Einzige Bedingung, 'sich nicht gegenseitig zu diskreditieren'.

Natürlich muss an dieser Stelle noch jemand zitiert werden, der diese Regel verletzt, also dafür ist, 'mit dem Finger auf die anderen zu zeigen'. Es folgt das komplette Gebet mit dem Verzicht auf Plastiktüten, weniger Fleisch und nicht so viel fliegen. Letzteres könnten wir uns im Inland komplett sparen, wenn die Bahn besser organisiert wäre. Zum Schluss noch die Bitte nach Vollvernetzung und besserer Verkehrssteuerung.

Man könnte sagen, die Frau hat nichts ausgelassen. Deutschland ist reich, reich an Appellen. Aber wie sieht die Wirklichkeit aus? Kann denn überhaupt eine Autozeitung sich als so eine Art Greenpeace-Magazin gerieren? Schon ein Blick in den Automarkt in der Mitte der Zeitung offenbart fast nur teure Fahrzeuge mit CO2-Ausstoß über 200 g/km. Vermutlich sind auch die Anzeigen entsprechend teuer.

Die Redakteure/innen sitzen inzwischen wohl länger im Flugzeug als in Testwagen, von den zurückgelegten Kilometern gar nicht zu reden. 'Zwei heiße Tage im Hinterland von Madrid' zum Test des neuen Mercedes A45 bringen gerade mal zwei Seiten. Immerhin hat die Fotos ein Mensch von Mercedes gemacht, sonst hätte noch jemand mitfliegen müssen.

Mercedes ist bekanntlich in Stuttgart beheimatet, die Zeitung ebenfalls. Müssen die sich hinter Madrid treffen? Natürlich ist es für den Hersteller egal, wo auf der Welt er präsentiert, denn immer müssen die einen weiter und die anderen kürzer reisen. Und natürlich darf die größte deutsche Autozeitung die erste Möglichkeit, über den Wagen zu berichten, nicht verpassen.

Man könnte also Verständnis aufbringen, würde sich diese Abhängigkeit in der Vergangenheit nicht als fatal erwiesen haben. Wo war denn der Auto-Journalismus, als alle Welt sich zuraunte, bei den Werten für den Spritverbrauch werde kräftig geschummelt? Haben die denn den Diesel-Skandal aufgedeckt oder amerikanische Umweltschützer? Haben Sie denn wenigsten im Anfang darauf hingewiesen, dass es gar nicht sein kann, dass nur VW betroffen ist?

Nichts von alledem. Man bringt weiterhin in beinahe jedem dritten Heft einen Porsche. Über die Elektromobilität erfährt man bei youtube hundert Mal mehr als in dem dafür zuständigen Fachblatt. Getestet werden ohnehin fast nur Fahrzeuge der Mittel- und Oberklasse. Jetzt könnte die Gegenseite behaupten, das sei alles nur ein Gewirr von Vermutungen, nichts wirklich Beweisträchtiges.

Deshalb hier eine kleine Geschichte, die auf Fakten beruht, und zwar solchen die durch diese selbst erfahrbar sind. Da gibt es einen Chefreporter, der seit 2014 auch eine Autosendung bei einem Privatsender mit moderiert. Das mag die Zusammenarbeit genügend beweisen. Die war übrigens nicht immer konfliktfrei. 2007 hat die Zeitung die Zusammenarbeit mit dem Sender wegen Unstimmigkeiten über das weitere Konzept auch schon einmal verlassen.

In dieser Sendung gibt es einen recht trittsicheren 'Autoexperten', wie er sich selbst nennt, weil er in der Werkstatt seines Vaters mitschrauben durfte. Der hat nicht zum ersten Mal die Geschäftsidee, in USA seltene Autos zu kaufen, sie nach Deutschland zu bringen, hier aufzubereiten und gewinnbringend zu verkaufen. So weit, so gut.

So fliegt er offensichtlich mit einem Filmteam des Privatsenders nach Los Angeles, um dort reichlich kurz und ungenau einen BMW M3 zu inspizieren und mit geringem Preisabschlag zu kaufen. Ob bei dieser Reise noch andere Fahrzeuge erstanden werden, bleibt offen. Kann sein, die kommen in einer anderen Sendung dran.

In Deutschland angekommen, wird der Wagen genauer inspiziert. Dabei stellt sich heraus, dass unser Spezialist in USA noch nicht einmal den fehlenden Riementrieb zur Klimaanlage bemerkt hat. Überhaupt ist es ein Typ, der wohl deutlich besser vor der Kamera agiert als an der geöffneten Motorhaube. Die Enge zum Tauschen der Zündkerzen bereiten ihm große Probleme, statt einfach einen Steckschlüssel durch geduldiges Abschleifen zu opfern.

Überhaupt, dass die mangelnde Motorkraft offensichtlich auf alte bzw. lose Zündkerzen zurückzuführen ist, sollte er eigentlich als Geschenk des Himmels preisen, denn welches Risiko ist er mit dem Kauf eines solchen Triebwerks eingegangen. Aber der Vater hat immer gesagt, man müsse vor keinem Motor Angst haben. Aber Respekt vor möglichen Kosten schon.

Als Showeinlage kann man nur werten, dass er sich tatsächlich die Mühe macht, ein leicht zugängliches Stück Blech auszuschneiden und durch ein aus einem anderen Auto ausgetrenntes zu ersetzen. Dabei erfährt man gleichzeitig, dass hinten unter dem Fahrzeug die rechte Aufhängung der Hinterachse total durchgerostet ist. Aber die vergibt er anscheinend zusammen mit der Lackierung als Fremdauftrag.

Und für den Zusammenbau beschäftigt er zusätzlich einen Gehilfen. Worauf ich hinaus will? Insgesamt fallen nach seiner eigenen Rechnung Kosten in Höhe von ca. 45.000 Euro an, wobei sein Eigenanteil und die Reise nach Los Angeles noch nicht enthalten sind. Am Ende werden zwar Fotos gemacht, der Wagen aber keineswegs im Internet, sondern an den Betriebsinhaber von nebenan verkauft, für sage und schreibe 49.000 Euro.

Ob sich das alles per Zufall so abgespielt hat oder es sich um eine riesige Fernsehshow handelt, das lassen wir einmal dahingestellt. Übrigens muss der neue Besitzer trotz des Kaufpreises noch kräftig in eine neue Kupplung und das Fahrwerk investieren. Ob sich die Chose für unseren Autoexperten überhaupt gelohnt hat, kann also nur mit einem klaren 'Nein' beantwortet werden. Warum macht der Mann das dann, weil er vom Sender dafür bezahlt wird?

Wie gesagt, er hat insgesamt noch Glück gehabt. Aber was ist das für ein Sender, der einen Expertendarsteller und ein Filmteam um die halbe Welt schickt, um den Kauf eines Autos zu filmen, der von niemandem anders hätte sinnvoll getätigt werden können, höchstens einem betuchten Sammler. Wie viel CO2 wird hier und bei der weiteren Behandlung verbraucht, nur um einen ca. 45- minütigen Film anzufertigen.

Das kann man gewiss alles machen. Aber wenn dann noch die mit dem Privatsender zusammenarbeitende Autozeitung im Eröffnungskommentar darlegt, wie sehr sie für Klimaschutz ist, bleibt einem der Kloß im Hals stecken. Ein(e) Fußballspieler/in kann links antäuschen und rechts vorbeigehen, aber Personen, die in der Öffentlichkeit stehen, sollten so etwas inzwischen unterlassen.

Da sagt man beim Autohersteller, als die Staatsanwaltschaft schon bei der Razzia ist, man werde die Behörden 'voll umfänglich unterstützen'. Was heißt das eigentlich? Bringt da die Sekretärin vom Chef der gerade im Aufbruch befindlichen Crew noch einen Laptop und weist auf wichtige Daten darauf hin, die als Beweise für das Vergehen dienen könnten?

Dabei weiß doch jeder, dass solch eine Aktion im Vorfeld möglichst geheim gehalten werden muss, damit nicht wichtige Akten und E-Mails bei der Durchsuchung verschwunden sind. Warum hört man nicht auf, die Leute zu veräppeln? Oder sind wir inzwischen so dumm geworden?







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