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Krise der Manager?



Woran denken Sie, wenn Sie etwas schwieriges zu entscheiden haben? Wahrscheinlich checken Sie mögliche negative Folgen ab, und das ist auch gut so. Aber jetzt tun Sie mir für einen Augenblick einmal den Gefallen und denken Sie an mögliche positive Folgen, so wie der Bankräuber auf dem Weg zur Tat. Der denkt ans Geldausgeben und nicht an einen langen Gefängnisaufenthalt.

Z.B. Sie spielen Lotto. Klar ist, wenn Sie an diesem Wochenende nicht gewinnen, machen Sie weiter. Aber was ist, wenn Sie gewinnen? Wem werden Sie davon erzählen? Wer wird Sie anschließend um Geld anbetteln? Können Sie danach noch unechte von echten Freunden unterscheiden? Gehen Sie nach dem ausgedehnten Urlaub weiter Ihrer Arbeit nach? Was ist, wenn Sie in Ihrem Traumwagen sitzen und keinen Traum mehr haben?

Spätestens jetzt werden Sie sich (oder mich) fragen, was das mit dem Thema zu tun hat. So eine Situation hat es bei einem der größten deutschen Automobilkonzerne vor gut 20 Jahren auch gegeben. Man war Marktführer bei den Oberklasse-Pkw und hatte im Lkw-Bereich die allermeisten Konkurrenten erledigt. Fast alle Sparten wiesen satte Gewinne aus. Wie geht es in einer solchen Situation weiter.

Ein Industrieunternehmen ist keine Bank. Also die Gewinne an die Aktionäre ausschütten? Dann steigen die Aktien und die Habgier wird noch größer. Oder an die Arbeitnehmer? Was sagt der Arbeitgeberverband Baden- Württemberg dazu? Eines ist jedenfalls klar, Vorstandsvorsitzende mit dem Hirn eines Ingenieurs wie Werner Breitschwerdt haben ausgedient. Visionäre sind gefragt.

Und die kommen, bzw. sind schon da. Ezard Reuter, dem man die anscheinend notwendige Besessenheit bei der Jagd nach diesem Posten nachsagt. Über die Kfz-Technik hinaus soll der Konzern wachsen. Sich unabhängig von Krisen in einer Sparte machen, Synergieeffekte sollen die Teile gegenseitig befruchten.

Mit diesem publizistischen Beiwerk kauft sich Daimler-Benz in die Luftfahrt ein. Erst bei MAN und dann wird AEG hinzugekauft. Bei den Verträgen mit den Dornier-Erben sollen die DB-Oberen kräftig über den Tisch gezogen worden sein (ein schönes Bild). Auch beim Zukauf der maroden Fokker-Werke durch Reuters späteren Nachfolger Schrempp sollen die Sektkorken geknallt haben. Ausflüge in die Bahntechnik (ABB) und Softwareentwicklung (Cap Gemini) seien hier nur am Rande erwähnt.

Nach Abschluss und z.T. Abwicklung der Zukäufe konstatiert man einen Verlust von mindestens einem Drittel des Konzernwertes und nennt es "die größte Kapitalvernichtung, die es jemals in Deutschland zu Friedenszeiten gegeben hat" (Ekkehard Wenger). Reuter verweist bei dem Vorwurf unkluger Verhandlungen u.a. auf seinen Finanzvorstand Gerhard Liener.

Es ist der Anfang ziemlicher Verwerfungen im Vorstand mit weiteren Indiskretionen und einem Selbstmord. Die Folgen sind bis heute nicht ausgestanden. Besonders, weil Nachfolger Schrempp noch einen draufsetzt und nun mit Beteiligungen an Mitsubishi und Chrysler den Kfz-Weltkonzern ausruft. Als der heutige Chef Zetsche unter starken Entbehrungen von Chrysler loskommt, bricht die Wirtschaftskrise 2008 herein.

Aber was heißt das alles? Klar, hier ist nicht wenig Geld verbrannt worden, das für die künftige Kfz-Entwicklung dringend gebraucht würde. Aber hätte ein Manager 1987 mit der Forderung Erfolg gehabt, Milliarden in die Entwicklung von leistungsfähigeren Batterien zu stecken? Damit wir uns nicht missverstehen. Es soll hier kein Freibrief für miserable Verhandlungsführung ausgestellt werden. Aber ist das Management nicht manchmal sogar eher Getriebener als Treibender? Haben Sie schon einmal ein Zirkuspferd gesehen, das nichts macht? Wie lange kann es sich auf der Bühne halten?

Die Probleme entstehen schon am Anfang eines Industrieunternehmens. Stellen Sie sich vor, eine vielfach nützliche Technik wird erfunden. Der Erfinder selbst hat in der Regel nicht das Kapital, riesige Fertigungskapazitäten aufzubauen. Die es zuschießen, wollen bald Rendite, d.h. einen Teil ihres Geldes zurück und am Ende möglichst noch mehr.

Die Teilhaber von Carl Benz haben die Entwicklung des Dreirades als teilweise Vernichtung des Firmengewinns angesehen und hätten am liebsten bis in alle Ewigkeit Zweitaktmotoren verkauft. Will sagen, der in diesem Fall innovative Techniker und die konservativen Finanziers passen nicht zusammen. Umgekehrt hat Benz nach 1900 die Entwicklung hin zu leistungsstärkeren Automobilen verkannt und stand seiner Firma im Weg.

Carl Benz und auch August Horch gründen gegen ihre eigenen Firmen Konkurrenzfirmen. Gottlieb Daimler wird verdrängt und nur durch ungenügende Verkäufe und ein Ultimatum weitere Geldgeber zurückgeholt. Trotzdem ergibt sich keine gedeihliche Zusammenarbeit. Er stirbt schon kurz danach. Wo ist Eigensinn angebracht und wo schädlich?

Das weitreichendste Beispiel ist wohl das von Henry Ford, der insgesamt drei Mal eine Firma mit Teilhabern zusammen gründet, von denen nur die letzte erfolgreich ist. Dies aber erst richtig, als er seine Teilhaber vergrault und ausbezahlt hat. Es wird zu der Zeit der größte Automobilhersteller der Welt, ist aber beinahe bankrott, als er starrsinnig an seinem einzigen Modell festhält.

Da fordert man in der Politik immer Demokratie und sagt, der Kommunismus sei untergegangen. Das in der Krise im Moment erfolgreichste Land ist China, aber auch eines der autokratischsten (über 1700 vollstreckte Todesurteile in diesem Jahr!). Was ist denn nun besser, wenn eine Gruppe oder eher ein Einzelner entscheidet?

Es gibt ein gutes Beispiel, wie auch Gruppenentscheidungen nicht immer ein Garant für Qualität sind. Jürgen E. Schrempp geht für Daimler Benz 10 Jahre nach Südafrika, die letzten 1,5 davon als Vorsitzender. Es ist die Zeit der Apartheid und heftiger Auseinandersetzungen deswegen.

Sehr viele ausländische Firmen sind schon gegangen. Mercedes fährt dort ziemliche Verluste ein. Schrempp berichtet dem Aufsichtsrat und niemand zweifelt heute daran, dass sich dieser so oder so seinem Urteil angeschlossen hätte. Mercedes ist geblieben, aber es war im Prinzip die Entscheidung eines Einzelnen.

Also doch besser die Familiendynastie? In großen Betrieben nur sehr bedingt, schauen Sie sich Ford und Fiat an. Interessanterweise geht bei beiden der einigermaßen erfolgreiche Wechsel vom Großvater auf den Enkel. In mittelständischen Betrieben scheint es nur bei sehr alten Dynastien noch zu gelingen. Mit der teilweisen Auflösung des Familien-Zusammenhalts gibt es bei neueren mehr Brüche.

Eigentlich betreiben Firmen heute immer noch eine gute Vorsorge gegen schlechte Aufsteiger. Statt bei der Einstellung hinter deren Stirn zu schauen, werden diese endlose Jahre lang getestet. Sie müssen sich im Ausland und auf unterschiedlichsten Posten bewähren. Jürgen E. Schrempp ist am Höhepunkt seiner Karriere immer noch stolz darauf, dass er von seiner Lehre her einen Lkw-Motor zusammenbauen kann. Also an den verlangten, vielfältigen Fähigkeiten kann es eigentlich nicht liegen.

Und glauben Sie, dass ein Manager fauler ist als der Durchschnitt der Bevölkerung? Wenn er mit großer Zielsicherheit und nach dem Verbeißen etlicher potentieller Gegner endlich am Ziel ist? Verrennt sich jemand aus Faulheit und nimmt andere mit, bzw. setzt sie unter Druck? Sind mehrere Millionen Vorstandsgehalt ein gerechter Lohn oder eine Bestätigung eines Egotrips.

Da sollten wir ansetzen, nicht die Vorstandsgehälter per Gesetz begrenzen. Wir brauchen eine andere Gruppenkultur. Denn der Vorstand beschließt schließlich solche Gehälter. Hier zieht man die Leute für eine Bewerbung auf seine Seite. Wenn der Vorstand hellwach und nicht korrupt ist, bleibt er vor einem Egomanen als Vorsitzenden bewahrt.

Leider kommen die vernünftigsten Wirtschaftsführer eher in Krisenzeiten nach oben. Mir fällt da spontan Alfred P. Sloan ein, der schon vorher und ab 1923 als Präsident die einzelnen, von William Durant etwas wahllos zusammengekauften Teile von General Motors zu einem schlagkräftigen Konzern zusammenführt.

Übrigens hat er das nicht im Befehlston erreicht, sondern offensichtlich in unendlich gründlicher Vorbereitung, viel vorsichtiger Kontrolle und Sitzungen, wo kluge Köpfe Gehör fanden und nicht als mögliche Konkurrenten gestutzt wurden. Einen guten Vorsitzenden erkennt man auch daran, wen er befördert.

Haben wir jetzt die Schuldigen, nämlich die Unternehmenskultur und deren Gremien? Nein, nicht ganz. Denn bei jedem Gremium ist die Mischung wichtig. Hören Sie sich einmal an, wenn mehrere Opernsänger(innen) gleichzeitig oder ein guter Chor singen. Natürlich ist der Chor besser, weil es hier wichtig ist, die Einzelstimme nicht herauszuhören.

Wo lernen wir heutzutage eigentlich, mal sinnvoll nach vorne zu preschen und dann wieder zuzuhören und die Gedanken zu ordnen? In der Schule, wirklich beide Seiten der Medaille oder nur die erstere? In der Familie? Sollen wir wieder einmal ein Schulfach fordern, wie manche neuerdings das Fach ‚Wirtschaft'?

Als wenn sich etwas ändern würde, nur, weil wir es auf den Stundenplan setzen. Gibt es eigentlich genügend wissenschaftliches Fundament zur Bearbeitung solcher Fragen? Wo ist die Psychologie abgeblieben? Sicher, die Werbung berät sie gut und hier gibt es vermutlich auch eine Menge handfester Forschungsergebnisse.

Die wissen genau, wo sie Waren platzieren müssen, damit Kinder ihren Eltern ordentlich auf den Wecker gehen. Aber bringen die uns auch bei, wie und wann man sich in Gruppen durchsetzt, auch wenn man deren Mitglieder für erfahrener hält als man selbst ist? Die Werbepsychologie macht uns eher dümmer, aber tun die Psychologen an den von uns finanzierten Hochschulen genug dagegen?

Kennen Sie das neuste Spielzeug der Verhaltensforscher? Der Computertomograph. Man lässt den Probanden (in dem begrenzten Raum) irgendwelche Spielchen machen und schaut, welche Gehirnhälfte sich besonders anstrengt. Wissen Sie, was ich von Forschern halte, die sich zuerst das Werkzeug anschauen und dann ihren Forschungsgegenstand bestimmen?

Wenn Sie mich fragen, fehlt hier eine komplette Infrastruktur. Wir lernen nicht mehr, mit unseren Freiheiten umzugehen. Je mehr jemand hat, desto zielloser irrt er durch die Welt. Und wenn jemand endlich eine Ideologie oder einen einzigen Lebensinhalt gefunden hat, hält er wie ein Ertrinkender daran fest. Die Schule versucht in Teilen, dagegen anzugehen, aber fast vergebens.

Im Grunde sind die Manager (und übrigens auch unsere Kinder) der Spiegel von uns selbst. Solche ziellosen Zeiten hat es gegeben. Und wissen Sie, wie diese enden? In einem ‚Heilsbringer' und dessen Botschaft, die uns mit eiserner Hand sagt, wo es lang geht … 12/09








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