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Karl Benz (1)


Turbulente Zeiten in Deutschland

Vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis 1815 hat Kontinentaleuropa unter der Knute Napoleons gestanden. Deutschland ist nach wie vor zersplittert in viele Teilstaaten mit bis zu 38 Zollschranken. Der Macht die Deutschland schließlich einigen wird, geht es noch schlecht. Ein großer Vereinigungsfaktor ist die Eisenbahn ab 1835. Überall entstehen Zulieferer, der Maschinenbau beginnt aufzublühen. Dazu kommen die Einigungsbestrebungen unter möglichst demokratischen Bedingungen (Frankfurter Paulskirche 1848). Letzteres gelingt nicht, aber die Zollschranken fallen nach und nach ...

Die Lokomotivfabrik als Praxiserfahrung für künftige Kfz-Erfinder

Karl Benz wird 1844 in Karlsruhe geboren. Seit Generationen sind seine Vorfahren Schmiede, auch sein Onkel und sein Vater. Letzterer verlässt im Gegensatz zu seinem Bruder das Dorf. Ihn zieht es in die Welt hinaus, z.B. den Zukunftsperspektiven mit der neuen Eisenbahn entgegen. Er landet als Lokführer, auf dem damals noch vor Wind und Wetter relativ ungeschützten Führerstand. Er soll ihm zum Verhängnis werden, als sich er nach anstrengenden und unerbittlichen Aufräumarbeiten nach einem Unfall dem Wetter bei der Weiterfahrt aussetzen muss, nicht geschützt durch zusätzliche Kleidung.

Es wird seinen Tod durch Lungenentzündung bedeuten und Karl Benz im zarten Alter von zwei Jahren zum Halbweisen machen. So bleibt die Mutter für die Erziehung des Jungen bis zu dessen Volljährigkeit verantwortlich und der hat oftmals betont, wie sehr sie für diese Aufgabe gelitten hat. Geblieben ist ihr von ihrem Mann eine kleine Rente und etwas Geld obendrein.Erstaunlich, wie stark der Vater in dem Jungen weiter lebt, obwohl er ihn schon mit zwei Jahren verlassen muss. Die Eisenbahn scheint das Fascinosum zu sein, die Leidenschaft des Vaters auf den Sohn übergesprungen zu sein. Oder sagen wir es mit Hinblick auf seine spätere Erfolgsgeschichte, der pferdelose Antrieb.

Die Mutter hat ganz andere, eher solidere Pläne, weshalb sie alle Hebel in Bewegung setzt, den Jungen aufs Gymnasium zu schicken. Dass diese Laufbahn auch gut fürs Erfinden ist, konnte sie damals noch nicht wissen. Ansonsten machen Mutter und Sohn (wohl günstige) Ferien in der Abgeschiedenheit des Schwarzwalds bei der Familie des Vaters.

Nein, von Lokomotiven lernt man damals nicht besonders viel auf dem Gymnasium (pardon Lyzeum). Eher ist Latein und das humanistische Bildungsideal angesagt. Im Gegensatz zu anderen Entdeckern der Kfz-Technik ist Karl wohl ein ganz guter Schüler, allerdings weniger in Latein als vielmehr in Mathematik, Physik und Chemie. Diese Wissenschaften begeistern ihn so sehr, dass er in einem eigenen kleinen Laborraum Versuche durchführt, mühsam finanziert von einer Mutter, die in ihm doch eigentlich zum wohlsituierten Beamten machen möchte.

Erstaunlich ist das breite Spektrum des jungen Benz. Nicht nur in der Physik und Chemie tummelt er sich, verdient sich auch etwas Geld mit der damals noch ganz am Anfang der Entwicklung stehenden Fotografie. Die Geduld der Reparatur von Uhren teilt er übrigens mit einem anderen Pionier der Kfz-Technik, Henry Ford. Offensichtlich sind Praxis- statt Büchernähe und eine gewisse Genauigkeit in jener Zeit ein Schlüssel zum Erfolg als Erfinder.

Mutters Pläne müssen schließlich denen des Sohnes weichen und da zu jener Zeit das Lyzeum schon mit neun Jahren beginnt, geht es jetzt mit siebzehn aufs Polytechnikum. Es scheint, als sei der junge Karl Benz hier genau richtig gewesen. Das Polytechnikum in Karlsruhe ist eine der ersten technischen Hochschulen in Deutschland. Vorbild ist Paris mit seiner Ingenieurausbildung. Man versucht hier im Bereich des Maschinenbaus, deutlich über Tellerrand der Dampfmaschine hinaus zu blicken, aber mehr als theoretische Lastenhefte an die neue Generation von Antrieben ist noch nicht zu erkennen.

Das Studium an der Polytechnischen (Hoch-)Schule wird mitsamt dem Praktikum hoch gelobt. Er hat dort einen mitreißenden Lehrer erlebt, aber auch schon die nächste Generation der blendenden Theoretiker, die es nicht mehr für nötig halten, ihren Studenten Anschaulichkeit durch aufwändige bildliche Verdeutlichung zu bieten. Auch als Praktikant ist er mit der Lernzeit sehr zufrieden, auch und gerade weil es dort viel handwerklicher und wesentlich weniger theoretisch zugeht.

Nach so viel Ausbildung beschließt Benz, in einer Lokomotivfabrik in den ganz normalen Alltag eines Mallochers einzutauchen, 11 Stunden am Tag plus 1 Stunde Mittagspause. Er beschreibt die Tätigkeit dort als hart und nicht nur auf die Knochen, sondern auch wegen dem trüben Licht auf die Augen gehend. Ein zusätzlicher Grund für die Aufnahme dieser Tätigkeit dürfte die finanzielle Entlastung seiner Mutter gewesen sein, denn immerhin hat er bis jetzt viel länger als die meisten seiner Altersgenossen fast nur Geld gekostet.

Trotzdem der Schufterei nimmt er sich Zeit, konkret an seinen Träumen zu arbeiten. Vielleicht entstehen ja hier schon die ersten Überlegungen und Zeichnungen für das spätere Dreirad. Nach zweieinhalb Jahren zieht es ihn nach Mannheim in eine eher dem Ingenieur angemessene Tätigkeit. Wäre er nur noch drei Jahre länger geblieben, hätten sich hier die Wege von Benz und Daimler kreuzen können, in Wahrheit sind sie sich wohl nie begegnet.

Lehr- und Wanderjahre zwischen Mannheim und Pforzheim

Karl Benz wechselt also zur Fa. Schweizer nach Mannheim, die u.a. auch Waggonwaagen herstellt und ihn nach einem halben Jahr zum Technischen Zeichner werden lässt. Nach einem weiteren halben Jahr schon muss er nach Pforzheim wechseln, allerdings langsam aufsteigend und mit Führungsaufgaben ausgestattet. Und immer bleibt in ihm die Idee des pferdelosen Wagens. Hier unterscheidet sich Benz deutlich von Daimler, dem es mehr um den leichten Antrieb an sich geht. Interessant auch die Zwischenlösung von Benz in Form eines Fahrrades, was wiederum an den späteren Werdegang der Opel-Brüder denken lässt.

Das Fahrrad von Benz ist aus der Frühzeit und viel klobiger und schwerer. Immerhin schafft er damit schon die Reise von Mannheim nach Pforzheim, die später das erste Mal von seiner Frau mit dem legendären Dreirad bewältigt wird. Übrigens macht Benz die Reise ebenfalls, als er zu seinem nächsten Arbeitgeber bei den Gebrüdern Benckiser eine Stelle antritt. Hier lernt er auch die schon erwähnte Berta kennen, zu der Zeit mit dem Mädchennamen Ringer.

Erste Firmengründung geht bei Erfindern meist daneben.

Er wird sie brauchen in diesem langsam unstetiger werdenden Leben, dass nach den Entbehrungen und Mutlosigkeiten der Anfänge auch im späteren Geschäftsleben noch manchen Niederschlag für ihn bereit hält. Die Betriebsgründung mit eigenem Ersparten wagt Benz 1871 wieder zurück in Mannheim. 1872 folgt die Hochzeit. Ansatzpunkt für die künftige Produktion ist der Lenoir-Motor, dem Benz allerdings nur 10 Minuten einwandfreien Motorlauf zubilligt.

Der Viertaktmotor ist von Otto mit einem noch für längere Zeit gültigen Patent geschützt. Bleibt nur die Entwicklung von Zweitaktmotoren, aber die scheint so langsam die letzten Mittel zu verschlingen. Diese arbeiten noch nach dem Prinzip von Lenoir und Ottos Zweitaktmotoren ohne Verdichtung. Vielleicht auch deshalb die Schwierigkeiten, dem ersten von ihnen einen regelmäßigen Motorlauf zu entlocken.

Legendär ist die Geschichte des Jahresendes 1878, wo nach unzähligen Versuchen und beinahe verbrauchten Mitteln der erste Motor ausgerechnet an Sylvester seine ersten fortlaufenden Bewegungen gepaart mit gleichmäßigen Zündungen, in die nach über einer Stunde die Kirchturmglocken mit einstimmen. Der Motor ist allerdings nur Erwerbsquelle auf dem Weg zum pferdelosen Wagen. Ihn anzutreiben, wird er in dieser Konstruktion zu schwach bleiben.

Zweitaktmotor als erstes erfolgreiches Produkt

Aber als Stationärmotor macht er Karriere, anfangs mit einem, später mit mehreren Pferdestärken. Die Firma wächst rasch, vielleicht zu rasch. Denn genau damit liegt das Problem. Kapital ist nötig, Banken und andere Geldgeber bestimmen mit, nur selten von Sachverstand gezeichnet, meist jedoch auf Profit aus. Die Benz'sche Firma wird zwangsweise zur Mannheimer Gasmotorenfabrik, einer Aktiengesellschaft mit wachsender Zahl an Mitarbeitern.

Es gelingt Karl Benz nicht, die bestimmende Mehrheit von der Notwendigkeit einer Weiterentwicklung zu überzeugen. In die Utopie des pferdelosen Wagens will anscheinend niemand Geld stecken. So wird die erste Selbstständigkeit zum Fiasko. Die Eheleute können froh sein, wenn sie noch die Gebäude für sich retten können. Mit der Teilhabe eines befreundeten Kaufmanns gelingt eine zweite Firmengründung, die Benz & Co., Rheinische Gasmotorenfabrik Mannheim.

Mit diesem ist vereinbart, erst nach erfolgreichem Start der Produktion von Stationärmotoren mit der Entwicklung eines Motorwagens zu beginnen. Also macht sich der Erfinder ans Werk und konstruiert den Zweitaktmotor so um, dass er zu einem der genügsamsten überhaupt wird, sogar mit Auszeichnungen bedacht. Genügsam heißt aber immer noch nicht, er sei als Fahrzeugantrieb geeignet. So dauert es, bis dieser Motor so viel einbringt, dass sich der Chefkonstrukteur seinem eigentlichen Thema widmen kann.

Ein Teil der Werkstätten wird zwecks Geheimhaltung abgetrennt und dort findet jetzt die Umsetzung der fertigen Pläne in die Praxis statt. Man darf sich das nicht so einfach vorstellen. Wenn heute ein neues Auto konstruiert wird, sind nur Teile davon wirklich neu und Vieles wird zugeliefert. Benz hat weder Vorbild noch Zulieferer. Sogar die Zündung muss er selbst machen, z.B. gelackten Draht für Induktionsspulen z.B. mit Hilfe seiner Frau aufwickeln.

Nach und nach kommt zum Einzylinder eine immerhin schon elektrische Zündung, der Vergaser und sogar schon die bitter nötige Kühlung, wenn auch noch nicht Wasser sparend im Kreislauf. Läuft der Viertakter endlich, muss sich Benz um die Kraftübertragung z.B. auch auf in der Kurve ungleich schnell drehende Räder kümmern. Eines aber hat er bei seinem Erstling noch nicht vollbracht, das sind zwei gelenkte Räder für die Vorderachse.

Jetzt darf man sich das wiederum nicht so vorstellen, als wäre die erste Jungfernfahrt gleich lang und erfolgreich gewesen. Sie ist auf den Hofbereich beschränkt und auch danach sind 100 Meter die Straße runter schon viel. Oft müssen Benz und seine Frau nämlich zurück schieben, weil wieder einmal ein Teil ausgefallen ist. Nur ganz allmählich kann man sich auf etwas längere Strecke wagen.

Eine gewisse Scheu herrscht nämlich auch vor dem Publikum. Ja sicher, zunächst wird man auf dem Bock sitzend vielleicht beneidet. Geht aber etwas kaputt, sammelt sich rasch eine kleine Menschenmenge und hält sich mit Bemerkungen nicht gerade zurück. So hat der Erfinder neben dem technischen noch ein menschliches Problem. Keiner kann ihm helfen aber viele reden darüber.

Nein, niemand außer den Eheleuten Benz glaubt wirklich daran, dass es eine sinnvolle Verwendung für einen Motorwagen geben könnte. Man bleibt in der Vorstellungskraft bei Pferd und Wagen stehen. Außerdem scheint der Defekt ja gerade zu beweisen, dass es nicht wirklich funktioniert. Benz aber bleibt am Ball und Anfang 1886 ist die Zeit reif für die Patentanmeldung.

Man darf aber das Problem mit den skeptischen Leuten nicht unterschätzen. Immerhin müssen sich ja unter denen ein paar potentielle Käufer finden, sonst ist die Erfindung schneller tot als sie zum Leben erweckt wurde. Benz ändert die Strategie, fährt nun tagsüber probe und nicht in der Dämmerung bzw. Dunkelheit. Auch mehr in die Stadt, damit von dem neuen Wagen Notiz genommen wird.

Immerhin berichten die Zeitungen recht positiv. Benz kommt zugute, dass er schon eine erfolgreiche Fabrikation mit seinen Stationärmotoren betreibt, ist also nicht irgend so ein Spinner. Dann tritt auch noch die Obrigkeit auf, verlangt Geschwindigkeitsbegrenzung in der Stadt auf 6 km/h, obwohl der Wagen mehr kann. Mit List und Tücke schafft Benz auch diese Klippe und erhält das erste, als Führerschein auslegbare Zertifikat.

Zum ersten Dreirad sind im ersten Halbjahr noch weitere hinzugekommen. Eines wird für diese legendäre Fahrt der Mutter Benz mit den beiden Söhnen benutzt. Endlich einmal erfahren wir die Geschichte aus Sicht des Vaters. An der Nae herumgeführt wurde er, das Fahrzeug frühmorgens während er noch schlief vom Hof gerollt. Eugen fährt neben seiner Mutter sitzend, Richard auf dem nach rückwärts gewandten Sitz. Solange es flach bleibt geht alles gut. Getankt wird durch Zukauf von 10 Liter Ligroin in der Apotheke in Wiesloch.

Der Lederüberzug an der Klotzbremse muss des Öfteren erneuert werden. Die Benzinzufuhr wird tatsächlich mit Mutters Hutnadel repariert. Antriebsketten längen sich, benötigen Nachstellung. Immerhin ist der Weg gut 100 km lang, das Auto noch nie nur mit eigener Kraft annähernd so weit weg von zuhause gewesen. Dem entsprechend das Erstaunen der Menschen, besonders auf dem Lande. Ob das Auto wohl weniger für Teufelswerk gehalten wird, weil es von zwei Buben und ihrer Mutter gefahren wird?

Die Berge sind Richtung Pforzheim nicht zu vermeiden. Der kleinere Bruder lenkt das von Hand geschobene Gefährt. Ohne Licht und bei völliger Dämmerung erreicht man schließlich das Ziel, nicht ohne dort wieder von Grund auf bestaunt zu werden. Taufrisch werden die drei bestimmt nicht mehr ausgesehen haben, wohl relativ rasch in einen verdienten Schlaf gefallen sein. Das Auto hat jedenfalls 'Langstrecken'-Tauglichkeit bewiesen.

Das war es wohl, warum die drei angetreten sind. Sie wollten der Welt den Nutzen eines solchen Gefährt deutlicher vor Augen führen. Mit der Berühmtheit, die diese Tour bis heute hat, scheint dies gelungen zu sein und zurück ist es freilich mit vollkommen erneuerter Kette auch mit eigener Kraft gefahren. Vater Benz aber hat eine neue Aufgabe, das Gefährt durch Hinzufügung eines Geländegangs bergtauglicher zu machen. 01/10

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