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  Sohn eines Transportunternehmers
        Son of a freight carrier


Nein, das Wort von der "Gnade der späten Geburt" würde ich gern bewusst anders interpretieren als Helmut Kohl der ehemalige Bundeskanzler. Nicht der Verantwortung entfliehen als Nachkomme einer Bevölkerung, die dem Naziterror zum Durchbruch verholfen hat, sondern die Gnade, in eine der längsten Friedenszeiten hinein geboren worden zu sein, wenn auch nicht ohne genügend Anlässe zur deren Bedrohung.

Manche Jüngere wünschen sich, diese Zeit als viel ruhiger als die heutige kennengelernt zu haben, übersehen dabei aber die Nachteile. Es ist eine autoritäre, leicht spießige Zeit, ohne die heutige unbedingt als positiven Maßstab dagegen setzen zu wollen. Man könnte sagen, was im Moment zu viel vorhanden ist, gibt es in den fünfziger Jahren zu wenig.

Mein Vater gehört zu der Generation, die durch den Krieg einen wichtigen Teil ihrer Jugend und Ausbildung verloren haben. Bei ihm kommt noch die "goldene" Regel hinzu, dass der Erstgeborene den (Bauern-) Hof erbt und der zweite Pastor wird. Eines seiner Zeugnisse habe ich tatsächlich zu Gesicht bekommen und darin erteilt er einer Karriere als Pastor mit je einer "Fünf" (im Fünf-Noten-System!) in Latein und in Religion eine klare Absage.

So steht man dann da nach dem Krieg, ohne Abitur, mit Kriegsverletzung und sieht jede Menge Kaputtes um sich herum und natürlich viel zu transportieren. Hat man dann, wie er, schon eine Familie zu versorgen, ist die Zeit der Berufsfindung knapp bemessen. Angeblich hat ja jeder in Deutschland nach der Währungsreform 1948 mit 40 DM (übrigens den Dollarscheinen zum Verwechseln ähnlich) begonnen.

Stimmt aber nicht, denn genau wie bei der Eingliederung der DDR werden natürlich auch Vermögenswerte umgetauscht. Sympathischer Zug meiner Eltern: Sie sind von dem ersten Geld Essen gegangen, haben es also auf den Kopf gehauen. Aber dann ist Tatkraft angezeigt. Da wird auf Pump der erste Lkw angeschafft und ich sehe meinen Vater nur noch selten. Und wenn, dann schlafend.

Nicht dass ich schon damals bewusst darunter gelitten hätte. Ich glaube, viele meiner Generation sind es in ihrer Jugend gewohnt, sich selbst zu beschäftigen. Auch ohne viel Spielzeug. Bei mir kommt noch hinzu, dass viele Teile des wenigen Spielzeugs deshalb längere Zeit nicht überleben, weil ich schon früh das Innenleben kennenlernen will. Schicksal eines Neugierigen, denn für die ordnungsgemäße Wiederherstellung fehlt mir der väterliche Rat und wohl auch dessen Verständnis.

Wenn ich denn in frühen Jahren schon Fähigkeiten habe, so bin ich mir deren nicht bewusst, sondern erfahre das später aus (sich wiederholenden) Erzählungen meiner Mutter. Ich habe also gut Autos nach dem Klang zuordnen können. Dabei darf man die damalige Verkehrsdichte nicht mit der heutigen vergleichen. Immerhin hat die Mittelstadt, in der ich aufwachse, die erste Ampel, da bin ich schon der Kindheit entwachsen.

Auch ist die Geräuschkulisse von Fahrzeugen der 50er Jahre wesentlich differenzierter. Schwache Motoren erfordern viel Schaltarbeit und oft Zwischengas. Es gibt noch jede Menge Zweitakter, die sich sehr deutlich abheben. An so etwas wie Geräuschdesign wagt noch kein Konstrukteur zu denken. Man ist froh, wenn der Auspuff überhaupt hält. Denn die kaputten machen die Erkennung noch einmal ungleich schwerer.

Also ist mir eine gewisse Affinität zum Thema Auto auch damals schon nicht abzusprechen. Allerdings habe ich zwar Fotos, auf der massiven Stoßstange sitzend, kann mich aber an Mitfahrten im Lkw nicht so recht erinnern. Das liegt wohl daran, dass mein Vater, obwohl fast ohne Freizeit, schon damals recht früh einen Pkw sein (unser) eigen nennt, ein Ford Bügeleisen.

Das Führen eines Lkws ist keineswegs mit der gleichen Tätigkeit heute zu vergleichen. So ein Kipper-Laster hat 8 Tonnen Gewicht und 8 Tonnen Nutzlast, die natürlich mehr als ausgenutzt werden. Anfangs hat der Hänger noch 12-Tonnen, später sogar 16 als Dreiachser. Wenn Sie das mit etwas über 100 kW (130 PS) ziehen und auch nicht die heute übliche Anzahl von Gängen haben, können Sie sich das Ergebnis denken.

Der nachfolgende Verkehr bedankt sich angesichts der Rußwolken bei Bergauffahrt und "jubiliert" jedes Mal, wenn nach einem hoffentlich erfolgreichen (unsynchronisierten) Schaltvorgang die Geschwindigkeit abermals absackt. Autobahnen sind rar. Unsere zur nächsten Großstadt endet nach etwa einem Drittel der Strecke und die Fahrt muss über Land fortgesetzt werden.

Glauben Sie ja nicht, man wird nach dem Krieg selbstständig und erhält ein Existenzgründer-Darlehen. Nein, so ein Vorhaben entpuppt sich als äußerst hart. Da ist zunächst einmal dieser unselige Krupp-Lkw (Bild oben), der zwei herausragende Zweitakter-Eigenschaften hat, viel Leistung und oft kaputt. Letzteres trifft natürlich einen ohnehin Verschuldeten, wobei manchmal sogar der Verdienstausfall noch härter ist als die Reparaturkosten.

Ich kann meinen Vater heute nicht mehr fragen, aber auch letztere dürften recht heftig gewesen sein. Erstaunlicherweise bekommt man auch als Kind schon die Angst des Selbstständigen vor dem Scheitern mit. Und kann die auch während seines ganzen restlichen Lebens ohne Probleme wieder in sich abrufen. Dabei ist die Malaise mit dem Krupp nicht das einzige Übel.

Da gibt es einen Verkehrsminister namens Seebohm mit der mit 17 Jahren immer noch längsten Amtszeit aller Bundesminister. Mein Vater, ja alle Transportunternehmer und mit Sicherheit auch die Lkw-Herstellerfirmen hassen ihn von ganzem Herzen. Er will unbedingt die Deutsche Bundesbahn konkurrenzfähig machen und erlässt eine Reihe von restriktiven Gesetzen.

Es ist erstaunlich, dass dieser Mann ursprünglich von der rechtsgerichteten Deutschen Partei nach dem Krieg eine solch "grüne" Politik macht. Natürlich tut so eine, neudeutsch "Lobby" genannte Interessengemeinschaft dem Mann etwas Unrecht, obwohl er schon recht eigenartige Vorschriften erlassen hat. Denn der Gedanke, den Langstreckenteil des Gütertransports der Bahn zu überlassen, ist a) nicht neu, b) heute noch aktuell.

Schon in der Weimarer Republik werden die Grundlagen für Lkws gelegt, die möglichst nur die Güter vom Bahnhof aus verteilen. Außerdem laufen zu der Zeit die allermeisten dieser Fahrzeuge auf Benzin und für Diesel gibt es außerorts kein flächendeckendes Tankstellennetz. Nur die Nazis haben den Verkehr auf der Straße fast hemmungslos unterstützt, aber da steckt auch ein Stück Kriegsvorbereitung drin.

Übrigens scheint es fast so, als sei die Leistungsfähigkeit der Bahn zur Weimarer Zeit vergleichsweise größer gewesen als im (späteren) Nachkriegsdeutschland. Im Berliner Technikmuseum hängen noch die Fahrzeiten für den Personenverkehr, die erst vom ICE übertroffen werden. Wir können dieses Kapitel abschließen mit der Feststellung, dass Minister Seebohm es nicht schafft, seine Grundsätze den europäischen Partnern zu vermitteln und deshalb nach und nach den Rückzug antreten muss.

Richtig an die Substanz geht es den Transportunternehmen mit den Konzessionen. So darf man nicht überall transportieren. Mein Vater hat z.B. fast immer nur die für einen Umkreis von 50 km. Es gibt noch 150 km (blau) und unbegrenzt (rot). Der Trick dabei ist, diese beiden kosten Geld. Nicht selten wird ein altersschwacher Lkw zum überhöhten Neupreis verkauft, wegen der dranhängenden Konzession.

Wie man unter diesen Umständen mit dem Transport von Baumaterial (meist Sand und Kies) Geld verdienen will, bleibt fast schleierhaft. Straßenbau scheidet auch aus, weil die Beladung mit Teer eine unendliche Reinigungsprozedur nach sich zieht. Immerhin ist es die Phase des Wiederaufbaus. Und da fällt halt manche Tour für den zaghaft beginnenden, privaten Häuslebau ab.

So bin ich schon in jungen Jahren in das Geschäftsleben einbezogen. Ich muss zwar früh ins Bett, aber Telefonanrufe wegen einer möglichen Lieferung darf ich schon ab dem zarten Alter von sechs Jahren annehmen und irgendwie weitergeben. Meine Eltern sind (bis zu nicht allzu später Stunde) in der nahen Kneipe.

Mein Vater ist ein geselliger Typ. Nicht gerade schlank. Es gibt wohl mindestens zwei Arten von etwas dickeren Menschen, die abgeschlafften und die lebensfroh aktiven. Er gehört eindeutig zur letzteren Gruppe, allerdings auch was ärztliche Regeln betrifft, an die er sich eigentlich nie hält. Dafür hat er aber fast immer genügend Bekannte und damit auch Aufträge, die wohl wichtigste Voraussetzung für das Weiterbestehen eines Betriebes.

Meine Mutter ist der bürokratischere Teil. Sie wacht darüber, dass auch Geld verdient wird und bremst den grandiosen Optimismus meines Vaters manchmal aus. Wenn er z.B. schwärmt, wie gut sich der neue Lkw mit dem neuen Fahrer macht, setzt sie trocken hinzu, dass beide zusammen heute wieder 50 DM Miese gemacht haben.

Offensichtlich sind also für ein erfolgreiches Geschäftsleben beide Seiten unbedingt nötig. Eigenartigerweise höre ich die beiden über das Geschäft selten streiten. Mein Vater hat als ausgewiesener Choleriker eine Buchhalterin von eher diplomatischer Art zur Seite. Insgesamt bin eher ich der Streitpunkt meiner Eltern, sie zu gut, er zu streng.

Meine Mutter und ich haben ein nicht ganz freiwilliges Hobby: Schulden eintreiben. Nein nicht so martialisch, wie Sie sich das jetzt vielleicht vorstellen. Eher auf die sanfte, aber beharrliche Tour. Immer wieder erscheinen, möglichst in regelmäßigen Abständen. Im Prinzip nicht eher gehen, bis man zumindest einen Teilbetrag in Händen hält. Allerdings gibt es nicht die Exzesse wie heute. Wenn man definitiv des Raumes verwiesen wird, dann geht man.

Man hört immer wieder, das sei die Zeit des Wirtschaftswunders gewesen. Wie schade, dass man das immer erst hinterher erfährt. Die 50er Jahre sind wohl eher eine harte Zeit. Gott sei Dank habe ich die direkte Nachkriegszeit mit Hunger und Hamsterfahrten nicht mit erlebt. Nein, an Essen fehlt es mir nicht. Bei uns reicht es zu einem bescheidenen Wohlstand.

Der Ford ist inzwischen einem Opel Olympia gewichen. Aber auch mit dem sind meine Eltern nicht recht glücklich geworden. Die Dubonnet-Federung (und natürlich entsprechende Fahrmanöver meines Vaters) hat sie einmal in solche Schwierigkeiten gebracht, dass sie alle Mittel zusammenkratzten, um sich den ersten gebrauchten Mercedes zu leisten, natürlich als Diesel.

Der Lkw-Fuhrpark vergrößert sich, mein Vater fährt nicht mehr selbst, stellt Fahrer ein. Für mich ist die Sache insofern unangenehm, als wir wieder einmal umziehen, was im Schnitt alle vier Jahre passiert. Immer gerade so weit, dass ich meinen Freundeskreis verliere. Wenn ich heutige Ansprüche von Kindern mit den damaligen vergleiche ...

Z.B. wenn man Verwandte besucht. Glück, wenn dort auch Kinder sind. Wenn nicht, sitzt man da und schweigt. Clevere Kinder nehmen ein Buch mit. Oder die Bestrafungen. Ich weiß (natürlich) nicht mehr, was ich angestellt habe, aber ich hatte tatsächlich bei der Einschulung keine Schultüte. Können Sie sich diese Schande vor aller Augen vorstellen?

Da meine beiden Eltern eingespannt sind, können Sie sich praktisch nicht um mich kümmern. Das hat natürlich seine Vorteile, Sobald die Hausaufgaben erledigt sind, ist man frei. Es gibt noch viele Flächen, z.B. inzwischen grün bewachsene Trümmergrundstücke und Baulücken. Auch sind Neubaugebiete hinaus in die Felder noch rar. Jede Menge Möglichkeiten, auch wenn man keine Pfennig Geld hat.

Überhaupt sind die Kriegsfolgen noch überall spürbar, allerdings wird einem das nicht bewusst. Menschen, die auf Krücken laufen, gehören zum Straßenbild. Schlimmer noch sind die Nachrichten, z.B. vom Korea-Konflikt. Wenn man erst einmal durch Hamsterkäufe halbleere Geschäfte wahrnimmt, das ahnt man ein wenig von der Zeit unmittelbar vor einem Krieg.

Es wird in jener Zeit viel mit der Angst argumentiert. "Wenn Du nicht, dann passiert ...". Ich glaube auch heute noch nicht, dass Angst nur Panik macht und nichts bewirkt. Bei mir z.B. ist das anders. Ich kann unter richtigem Druck sehr effektiv sein, während ich in guten Zeiten meist die zweitwichtigste der wichtigsten Arbeit vorziehe. Aber ganz so angstbesetzt ist meine Volksschulzeit (Klasse 1 - 4) nicht.

Mädchen und Jungen sind durch Maschendraht streng voneinander getrennt, heute vollends unverständlich. Vom Lehrer gibt es bei Nichtbetragen manchmal was mit dem Zeigestock auf die Fingerknöchel, aber wir haben ihn trotzdem gemocht, ihn nachmittags sogar besucht und beim Umgraben des Gartens geholfen.

So sind die Zeiten, hart und doch schön. Oder erinnert man sich eher an letzteres? Nachmittags Bandenkriege und Klingelmännchen, beim Dunkelwerden ab nach Hause. Strenge Bettzeiten, Ruhe in der Wohnung, höchstens etwas Radio. Fernsehen kommt erst später in Gestalt eines kleinen, wertvollen Möbelstücks. Es hat zwei jeweils nochmals zweigeteilte Türen vorn. So ist tagsüber der Fernseher nicht zu erkennen und seine geöffneten Türen nehmen abends seitlich nicht zu viel Platz weg.

Nein, ich erinnere mich nicht an meine Lieblings-Kindersendung. Sie werden es nicht glauben, aber ich habe Verwendung für den großen Karton des Geräts. Ich schneide seitlich Türen hinein, die sich auch (nicht zu oft) öffnen lassen und ein großes Fenster nach vorn, fertig ist der Lkw. Nein, ein Lenkrad habe ich nicht, aber wozu hat man schließlich Phantasie? Es ist tatsächlich mein erstes Auto ...

Echte Mobilität erreiche ich mit meinem ersten Fahrrad, das ich zur bestandenen Aufnahmeprüfung aufs Gymnasium erhalte. Es ist wirklich schade, dass es keinen Kilometerzähler hat, denn da käme eine beachtliche Zahl heraus. Wer wenig kriegt, schätzt das, was er kriegt umso höher ein. Ich habe Kinder erlebt, die vor lauter Geburtstagsgeschenken zu Schreien begannen. Eine natürliche Reaktion, wie ich finde.

Inzwischen sind meine Eltern stolze (verschuldete) Besitzer eines alten Hauses mit einem gemieteten Platz für die Lkws auf der Straße schräg gegenüber. Leider sind Haus- und Hoffläche sehr schmal, münden aber vorn und hinten zu einer Straße hin. Inzwischen gibt es einen großen Diesel-Vorratstank für die Lkw, die dann aber z.T. vor den Grundstücken der beiden Nachbarn stehen, was viel Ärger einbringt. Deutschland und Nachbarschaftsstreit scheinen verwandte Themen zu sein, damals wie heute.

Mit dem Gymnasium beginnt ein wenig meine Leidenszeit. Vorbei die relative Leichtigkeit des Lernens mit überschaubarer Nachmittagsarbeit. Am erträglichsten empfinde ich es unmittelbar nach Ostern, da beginnt das neue Schuljahr und es werden noch keine Klassenarbeiten geschrieben. Man hat noch nichts versaut und kann deshalb (vom Vater) nicht zur Rechenschaft gezogen werden. Nein, um meine Freizeit hat er sich nicht gekümmert, wohl aber um meine Schulzeit. Überprüfungen von Vokabeln enden fast immer in einem ausgewachsenen Familiendrama.

Auch meiner Sturheit verdankt die kleine Familie manch "vergnügliche" Stunde. Die Diplomatie meiner Mutter genau in der Mitte dazwischen. Mit einem solchen Anwalt im Rücken lässt sich das durchhalten, auch wenn es nicht selten handgreiflich wird. Im Grunde ist es meine Suche nach Anerkennung durch meinen Vater, auf eine völlig verquere Art dargeboten und natürlich unverstanden und eigentlich unerfüllt geblieben.

Nein, seinen Beruf soll ich auf keinen Fall ergreifen. Den verachtet er im Grunde, weil er keiner Voraussetzungen bedarf. Jeder Fahrer, der ein wenig Geld gespart oder geerbt hat, kann damit als Anzahlung einen Lkw erwerben und anschließend mangels Rechenkünsten den anderen die Preise kaputt machen. Bevor er selbst aufgeben muss, reißt er noch andere mit.

Nicht nur die Unlust meines Vaters an Gesellschaftspielen hat mögliche krisenfestere Berührungspunkte mit ihm verhindert, auch dieser verdammte Betrieb. Man kann unter sich sein, aber in eine besondere Phase der Ruhe platzt die Nachricht von irgendeinem Vorkommnis mit einem der Lkw. Dann wird der kleine Anhänger mit entsprechenden Hilfsmitteln beladen und an den Mercedes (inzwischen ein 180er) gehängt. Weg ist er.

Manchmal, wenn es nicht zu spät zu werden droht, darf ich mit. Ich erinnere mich an einen etwas krasseren Fall, in dem sich der Sprengring (geschätzte 5 kg) eines Anhängerrades gelöst hat und erst das Fahrzeug dahinter und dann ein entgegenkommendes mit einem wunderschönen senkrechten und fast symmetrischen Schnitt getroffen hat. Gott sei Dank ist niemand verletzt. Aber wenn Sie meinen, der Unfall sei das schlimmste ...

Als wir nämlich versuchen, dem Hänger einen neues Rad zu verpassen, stellt sich (Gott sei Dank nur für uns) heraus, dass er überladen ist weshalb die Winde fast versinkt. Mit äußerster Kraftanstrengung gelingt es uns, das Rad zu wechseln, die ganze Zeit unter den argwöhnischen Blicken der Polizei. Jemand hätte ja die Überladung in einen ursächlichen Zusammenhang mit dem Platzen des Reifens und Fahrlässigkeit als Unfallursache bringen können. Hätte ... Glück scheint ein weiterer Faktor zur erfolgreichen Führung eines Betriebes zu sein.

Inzwischen sind wir wieder einmal umgezogen, auf den großelterlichen Bauernhof, wo auch die Lkws genügend Platz haben und die Werkstatt etwas erweitert werden kann. In sitze weit ab vom Schuss, was meinem Fahrrad die nötigen Kilometer bringt, sogar im Winter. Nur Samstags, natürlich nach der Schule, ist auf dem Hof was los. Dann sind Wartung und kleine Reparaturen angesagt.

Nicht dass ich da viel gelernt hätte. Meine Vater hält mich aus dem Meisten heraus. Er behandelt mich wie einen Gymnasiasten, schrecklich. Bremsbacken beim Aufnieten von Belägen festhalten, das darf ich. Desgleichen beim Zusammenbau selbstgestrickter Aufsteckbracken, die endlose Schaufelarbeit beim Gießen eines neuen Werkstattbodens, das ist meine Welt.

Die Fahrer trauen mir mehr zu. So müssen sie z.B. zwei versetzt angeordnete Schmiernippel an der Kardanwelle mit Fett versorgen. Seelenruhig bleibt der eine schräg vor der Hinterachse liegen und lässt mich ein Stück vorfahren. Rutscht mir der Fuß von der Kupplung, ... Ich kann mir wirklich nicht ausmalen, was passiert wäre, wenn mein Vater das Manöver mitbekommen hätte. Eigenartigerweise geht man in dieser Zeit größere Risiken ein.

Ich gehe wieder einmal meine eigenen Wege, wende mich der Landwirtschaft zu. Nein, ich will nicht Landwirt werden, aber der kleine 15-PS-Deutz meines Onkels hat es mir angetan. Der ist natürlich geschickt und ich muss für jede Treckerfahrt arbeiten. Ich gehe trotzdem diesen etwas ungerechten Deal ein, weil es überhaupt nur noch einen Jugendlichen in der Nähe gibt, der auf die gleiche Schule geht, und die anderen Gymnasiasten eher verhauen, als mit ihnen etwas zu zusammen zu unternehmen.

So lerne ich die Wirkung einer Differenzialsperre kennen und das sie vor dem Wenden ausgeschaltet sein muss. Wegen mangelnder/m Leistung und Gewicht ist diese Trecker nicht ganz ungefährlich, zumal mein Onkel auch schon einmal mit zwei hoch beladenen Hängern den Berg hinauf will. Bleibt die Fuhre stecken, gibt es eine Katastrophe, denn die beiden Auflaufbremsen an den Hängern können diese nicht davon abhalten den Berg mitsamt dem kleinen Trecker wieder hinunter zu rollen ...

Meinen größten Clou gegen meinen Vater lande ich, nicht ganz freiwillig, als es um meine Versetzung zur Obersekunda (Kl. 11, Mittlere Reife) geht. Vier blaue Briefe kommen an, also droht in vier Fächern eine Fünf (diesmal im Sechs-Noten-System). Es ist der Teufel los, bis ich meinem Vater einen Deal vorschlage. Ich schaffe das Klassenziel nur, wenn er sich ab jetzt raushält. Er ist mehr als skeptisch, hat aber keine andere Wahl. Es ist richtig harte Arbeit und Freundeshilfe, aber ich schaffe ein Zeugnis ohne Fünfen.

Ich weiß heute nicht mehr warum, aber meine Mutter und ich haben meinem Vater verheimlicht, dass ich den Führerschein machte. Das ist übrigens zu der Zeit zwar eine aufregende Sache, aber mit 218 DM wohl erheblich billiger als heute. Übrigens ist später der Lkw-Führerschein mit Hilfe der Technischen Hochschule noch preiswerter. Bei einem Zwischenstopp frage ich meinen Vater, ob ich weiterfahren dürfte und bevor er mir den dazu fehlenden Führerschein vorhält, zeige ich ihm das Dokument und sitze eine Minute später am Steuer.

Ich muss sagen, erziehungstechnisch hat mein Vater dazugelernt. Als krass empfinde ich heute noch den Fall, dass er ohne Auto auf Geschäftsreise ist und ich meiner Mutter den ziemlich neuen Wagen (siehe unten) abschwatze. Wie das Leben so spielt, baue ich prompt einen Unfall. Gott sei Dank ist niemand verletzt. Der Wagen sieht schlimm aus und ich bin es schuld. Ich hätte niemals damit gerechnet, aber er hat sich echt generös verhalten. Kein Wort des Schuldvorwurfs, ich werde es ihm nie vergessen ...

Man kann es kaum glauben, er ist trotz seiner riesigen Fahrpraxis ein angenehmer Beifahrer. Ab und zu kommt mal einer von den Tipps, an die ich mich heute noch erinnere, aber mehr nicht. Allerdings ist es zu dieser Zeit auch üblich, schon vor dem Gang zur Fahrschule über eine gewisse Fahrpraxis zu verfügen. Man darf mir in jüngeren Jahren keinen Autoschlüssel in die Hand drücken mit "Hol' mal ...", ohne dass das Auto nachher irgendwo oder irgendwie anders steht. Erstaunlicherweise hat es nie jemand reklamiert ...

Ich muss so um die 14/15 Jahre alt gewesen sein, da stehe ich, vom Fahrer wegen irgendwelcher Formalitäten verlassen, neben "unserem" Lastzug und einer, der den gerne weg hätte, fragt mich, ob ich den fahren könne. Wer sagt da schon "Nein". Immerhin ist er (noch) nicht beladen, aber erschwerend ist das Anfahren am Berg angesagt. Natürlich habe ich ein mulmiges Gefühl, aber bloß nichts anmerken lassen.

Wäre das unser Büssing, hätte ich die (mechanische) Handbremse vermutlich gar nicht lösen können. Es ist aber der Mercedes, bei dem man bis zur vollständigen Funktion mehrmals mit dem Hebel pumpen muss. Deshalb ist die Bremse viel leichter gelöst als wieder angezogen. Ich habe es mit stoischem Kommenlassen der Kupplung schließlich geschafft, nicht ohne ein ganzes Stück rückwärts zu rollen.

Zu allem Unglück kommt mir auch noch der wild gestikulierende Fahrer entgegen. Aber da habe ich mich wieder berappelt und ziehe den Lastzug in großspuriger Manier um die Ecke. Das anschließende Donnerwetter ist groß und berechtigt, aber verpetzt bei meinem Vater hat er mich nicht.

Ich habe es wirklich nicht gemocht, das neue Haus, trotz des eigenen Zimmers mit Blick in den Garten. Schon wieder umziehen. Und die Entstehungsgeschichte, bei der diesmal meine Mutter die Hauptrolle spielt. Zusammen mit dem mit meinen Eltern befreundeten Steuerberater hatte sie ausklamüsert, es könnte klappen, endlich den Traum vom eigenen Heim zu verwirklichen. Immerhin kennt mein Vater ja eine Menge Leute vom Bau.

Das Dilemma liegt in der großbürgerlichen Gestaltung des neuen Heims. Nein, einen Architekten kann man getrost einsparen. Da muss man dann ewig in dem wohnen, was der sich ausgedacht hat. Das kann meine Mutter besser. Natürlich zeugt diese Haltung nicht gerade von Achtung vor einem kreativen Beruf. Keine Idee davon, dass so ein Haus eigentlich auf 15 bis 20 Jahre im Voraus geplant sein sollte.

Das Ergebnis ist nicht ganz so schlimm, wie ich es hier darstelle. Kein Haus, wie man es heute bisweilen sieht, aus sämtlichen Baumärkten zusammengestückelt. Aber ausgerechnet das, worauf meine Mutter besonders stolz ist, stößt bei mir auf geteiltes Echo. Mit Sicherheit sind aber auch die Entschlüsse der Eltern für einen 16-jährigen nicht erste Wahl.

Aber mir hat das Haus auch später nicht gefallen. Kein Gedanke, dort einzuziehen als das möglich ist. Noch bezeichnender ist, dass ich selbst nie ein neues Haus habe bauen lassen, als auch das möglich war. Zu viele Entscheidungen auf einmal und keine Korrekturmöglichkeit. Wer baut schon den eigenen Neubau um. Nein, wir haben jeweils ein "gebrauchtes" Haus so lange bewohnt, bis wir Ideen zum Umbau hatten.

Das Verrückteste daran ist, dass meine Mutter, obwohl sonst mitten im Leben stehend und kampferprobt in Verhandlungen mit Steuerprüfern, Kfz-Herstellern, Versicherungen und sonstigen Bedrohungen jetzt an einem Punkt weich wird. Schafft es jetzt irgend ein hergelaufener Vertreter bis in die neue Diele mit beinahe Buddenbrook'schem Treppenaufgang und betont auch nur kurz, wie überrascht er doch von diesem Interieur sei, hat er schon gewonnen und kann sein Anliegen in aller Ruhe unterbreiten.

So ein Transportunternehmen hat auch tieftraurige Aspekte, die man nicht außen vor lassen kann. Kommt der Fahrer zu uns herein, noch gut gelaunt, bis ihm einfällt, dass er vielleicht die Handbremse nicht richtig angezogen haben könnte. Sehe ich uns schon im nächsten Moment rausrennen, einem schon weit entfernten Lkw hinterher. Die Katastrophe ist perfekt, er hat bei der Einmündung unten eine Frau überrollt, die ihn wegen des abgestellten Motors wohl nicht hat kommen hören.

Bewährungsstrafe wegen fahrlässiger Tötung für einen Fahrer, der seines Lebens nicht mehr froh wird. Beschlagnahmung des Lkw mit der Einleitung eines Verfahrens gegen meinen Vater als Halter. Ganz abgesehen von dem menschlichen Leid, dass der Tod eines Menschen mit sich bringt. Letztlich ist der Lkw als "IO" gekennzeichnet, aber das Vorkommnis kriegt man nicht mehr aus den Kleidern, auch wenn einen keine direkte Schuld trifft.

Ein Erlebnis der besonderen Art ist die Abholung eines neuen Mercedes in Sindelfingen. Alles Gute kommt in dieser Zeit zusammen. Es ist kurz vor Ostern, ein Schuljahr ist wieder einmal geschafft und wir freuen uns auf unseren neuen 190 D. Meine Mutter hat, wie wohl heute noch häufig, die Farbe ausgesucht. Unten kaffeebraun, das Dach beige, damit es im Sommer nicht so heiß wird.

Nein, Klimaanlage gibt es in diesem Modell noch nicht. Vielleicht wäre auch der Zweiliter-Diesel mit 40 kW (55 PS) überfordert. Immerhin ist der Wagen 4,73 m lang, wenn auch nur 1250 kg schwer, einem späten Golf vergleichbar. An die Werksbesichtigung und Wagenübergabe erinnere ich mich nicht mehr, wohl aber an die anschließende Fahrt zu Verwandten nach Baden-Baden.

Irgendwo an der Scheibe hängen die Einfahrvorschriften. Sie können sich denken, wie langsam man schleichen muss, wenn man ein nur 125 km/h schnelles Auto auch noch schonend behandeln muss. Trotzdem ist die Fahrt herrlich. Ich habe noch heute den Geruch der Inneneinrichtung (natürlich aus künstlichem Leder) in der Nase. Es sind wunderbare Tage, auch die Bekanntschaften im doch eigentlich als mondän verschrienen Baden-Baden.

Ich liebe keine Campingplätze, jedenfalls nicht die mit den Gartenzwergen für Dauercamper. Warum? Weil mein Vater eines Tages mit einem Wohnanhänger anrückt, für uns drei nicht gerade super geräumig, aber gut zum Verreisen. Ich schöpfe Hoffnung, endlich etwas von der näheren Welt zu sehen. Aber, Pustekuchen. Wir kommen gerade mal 120 km weit und meinen Eltern gefällt es hier. Wir bleiben.

Da man sich nicht zu weit vom Betrieb entfernen kann und der sich auch keine Sommerpause leistet, kommen wir jetzt auch an Wochenenden. Die Gartenzwerge grinsen mich bereits frech an. Der Wohnanhänger bleibt jetzt den ganzen Sommer hier stehen.Mein Vater hat mannigfaltige Kontakte zu anderen Mittelständlern auf dem Platz entwickelt. Langsam erweist sich die Enge des Wohnanhängers als Problem.

Einmal, ja einmal habe ich es geschafft, die beiden für eine weitere Reise zu gewinnen. Unglücklicherweise (oder ist es Schlitzohrigkeit?) führt unser Weg wieder an der Stätte unseres Daueraufenthalts vorbei. Zufällig grüßen ein paar Bekannte und der schöne Plan ist Makulatur. Etwas später wird dann ein deutlich größerer Wohnanhänger angeschafft, endgültiges Ende jeglicher Reisepläne.

Ich hasse Wohnanhänger und habe diesen Hass auch auf Wohnmobile übertragen. Wir waren inzwischen drei Mal für etwas längere Zeit in USA, sind aber nie mit Wohnmobil gereist, so viel preiswerter das auch gewesen wäre. Warum nimmt ein Mensch möglichst viel mit in das Land, das er eigentlich kennenlernen möchte?

Wussten Sie, dass Campingplätze eine Hierarchie haben. Wie Theaterabonnements, aber da kann ich es besser ertragen. Auf dem Campingplatz meiner Eltern gibt es drei Kategorien. Jahre verbringt man auf dem unschöneren Teil, bevor man in die mittlere Kategorie aufsteigt. Wir haben es mit unerschütterlicher Beständigkeit in die höchste Klasse geschafft, mit unkontrolliertem Zugang zum Freibad.

Am Ende wird jedes Wochenende oder wenigstens jedes zweite dahin gefahren, samstags fast 2 Std. hin, Sonntagsabends mehr als 2 Std. zurück. Ich bleibe schließlich des Öfteren zu Hause, da habe ich meine Ruhe, muss nur Sonntagsabends aufräumen.

Unglücklicherweise gibt unter den Kindern der dortigen Bekannten kaum welche in meinem Alter. Aber meine Eltern fühlen sich dort sehr wohl. Es gibt in jener Zeit eine starke Allianz derjenigen, die es geschafft haben. In ihnen hat die CDU eine große Stammklientel. Da manche Freunde meines Vaters diesen an Leibesfülle übertreffen, wackelt bei Festen und entsprechender Fröhlichkeit manchmal der ganze Wohnwagen.

Mein Vater bleibt in der Zeit der typische "Straßenengel" und "Haustyrann". Was habe ich nicht alles schulisch nachbüffeln müssen in dieser "Traumumgebung"! Und dann habe ich einmal, selten genug, eine "1" geschrieben, darf ich prompt das ganze Wochenende mit dem Mercedes über den Campingplatz fahren.

Es ist die Zeit langsamer Entfremdung von meinen Eltern. Ob sie noch zur Pubertät zählt oder eine Folge davon ist? Ich habe einen Freund mit ähnlich autoritärem Vater und wir schmieden manchmal Pläne, wie wir der ganzen Situation den Rücken kehren könnten. Ich habe mir geschworen, die Erziehung meiner eigenen Kinder auf keinen Fall so zu gestalten. Das ist mir auch gelungen, aber dafür habe ich andere Fehler gemacht.

Einmal bin völlig aufgelöst im Zorn weit über 100 km mit dem Fahrrad davongefahren, um mir erst dann meiner dilettantisch vorbereiteten Flucht bewusst zu werden. Mitten in der Nacht bin dann wieder zurück und fühle mich schlechter als vorher. Immerhin habe ich zumindest mein (bescheidenes) Fernweh ein wenig stillen können. Hierin habe ich viel später einen der Hauptgründe für mein Kfz-Interesse gefunden.

Irgendwann, vorausgesetzt er ist einigermaßen erfolgreich geführt, steht so ein Betrieb am Scheideweg. Denn nichts kann bleiben wie es ist. Entweder größer oder Aus. Sie kennen mit Sicherheit diese Spezialfahrzeuge, die schon fertig zubereiteten Beton an die Baustelle bringen, der sich dann direkt vergießen lässt. Mein Vater hat die Möglichkeit, zu Beginn der Entwicklung groß einzusteigen.

Sie ahnen es, er tut es nicht, meine Mutter ist dagegen. Diesmal kann ich ihre Entscheidung nicht verurteilen. Zehn Fahrzeuge mit teuren Sonderaufbauten auf Pump kaufen, hätte ein gewaltiges Risiko bedeutet. Sicher er hatte genug Aufträge für diesen Fuhrpark, aber wie lange. Niemand kann auch zu der Zeit ahnen, wie die Entwicklung verläuft.

Vermutlich haben meine Eltern auch an mich gedacht. Ich soll ja eigentlich unter allen Umständen von diesem (schmutzigen) Geschäft ferngehalten werden. Ich soll studieren und die Berufsträume erfüllen, die mein Vater vielleicht für sich selbst gehabt hätte. Und ehrlich gesagt, sie haben es mir auch nicht zugetraut. Das Nein bleibt und es zeigt sich später, dass der Berufskollege meines Vaters, der den Deal schließlich eingegangen ist, nicht sehr lange Freunde daran gehabt haben mag. Er wird schließlich hinausgekauft.

So ist das mit einem kleinen mittelständischen Betrieb. In kaum einem in der Nachkriegszeit mit unendlich viel Arbeit aufgebauten lässt sich die Nachfolgefrage zufriedenstellend lösen. Entweder sind die Kinder zu blöd, uninteressiert oder es sind so viele, dass alles zersplittert. Schade, denn ich könnte mir so einen gewissen Nutzen des Firmengründers auf streng eingegrenztem Gebiet als sinnvolle Altersgestaltung vorstellen.

Das Ende des hier beschriebenen Betriebes ist leider etwas traurig. Die Bürokratin in der Familie hat schließlich für sich ausgemacht, dass es genug sei und das Geldverdienen immer schwerer werde. Außerdem hat sie mit Sicherheit den gesundheitlichen Zustand meines Vaters im Blick, an dem sich nun wirklich nichts zum Guten gewendet hat. Sie merken schon, ich bin mit dieser Entscheidung nie ganz konform gegangen.

Das Geschäft wird professionell abgewickelt, aber bald zeigen sich für mich die Nachteile dieser Entscheidung. Mein Vater ist für das "herrliche" Nichtstun einfach nicht geschaffen. Er könnte sich jetzt um die Besserung seines Gesundheitszustandes kümmern, aber das hat er außer mit dem Rauchen-aufgeben eigentlich nie getan. Nein, da hat man jemandem den Boden unter den Füssen weggezogen. Was nützt viel Zeit für Muße, wenn man eigentlich ein Tatmensch ist?

Knapp drei Jahre nach der Geschäftsabwicklung ist mein Vater gestorben. Er kennzeichnet damit noch viel deutlicher einen gewissen Lebensabschnitt. Ich bin mitten im Abitur und eigentlich noch zu jung, um das Geschehene zu begreifen. Die Leute wissen am Ende nicht, ob sie mir gratulieren oder kondolieren sollen. Ich bin ihn endlich los, den (noch jungen) Alten, den Drachen meiner Erziehung, aber geht es mir jetzt etwa besser? 09/11


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